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Die Unternehmen in Deutschland stehen vor großen Herausforderungen bei der Digitalisierung.
Doch in der Bevölkerung wird das Thema kritisch aufgenommen. Warum ist das so?

Zugegeben, die Headline ist ein wenig reißerisch. Dennoch bringt es das Dilemma sehr auf den Punkt. Unternehmen bleibt nicht viel Spielraum bei dem nun zugegeben nicht gerade neuen Thema der Digitalisierung. Und hier reden wir noch nicht mal von der ebenfalls in vielen Bereichen notwendigen Digitalen Transformation. 

Nein, das beherrschende Thema lautet: Deutschland als Ganzes fit zu machen für eine vernetzte und automatisierte Zukunft.

Die Herausforderung in Deutschland beginnt ja bereits bei dem bestehenden Netzausbau. Ich kann nichtmal in Hamburg mit flächendeckender Verfügbarkeit eines Mobilfunknetzes rechnen. Das mögen sich die Anbieter nun schönreden, ein stabiles LTE Netz ist in einigen Bereichen nicht zu erwarten. Völlig egal, um welchen Anbieter es sich handelt. DSL und LTE scheinen zudem stark von Witterungsverhältnissen abhängig zu sein. Zieht eine Schlechtwetterfront auf, kann man als Nutzer von modernen Teamlösungen den Austausch mit Kunden und Kollegen schlicht vergessen. Das oft herangezogene Beispiel des überall verfügbaren Mobilfunknetzes in Skandinavischen Wäldern ist leider wahr. Bei der Digitalisierung sind nicht nur China und die Vereinigten Staaten lange an Deutschland vorbeigezogen, auch die Staaten des ehemaligen Ostblockes sind hier sowohl beim Netzausbau, als auch bei innovativen Ideen weit voraus.

In Deutschland hingegen betrachtet man die Digitalisierung als etwas Neues, dabei ist sie ein langer und treuer Begleiter mit grauen Haaren. Früher nannte man das Kind nur anders. Als E-Business war es noch nicht so greifbar, als E-Commerce wurde eine journalistische Nische gefunden. Endlich konnte man es beim Namen nennen. Es geht ja schließlich um Kommerz und die bekannten Anbieter wie Auktionsplattformen und Schuhversender sind im Zweifel ähnlich kritisch zu beäugen, wie der große Buchversender aus den Vereinigten Staaten. 

Die oben genannten Plattformen kann man durchaus kritisch beäugen, denn bei den Mengen an Verpackung und Rücksendungen kommt die Frage auf, wie nachhaltig und schädlich für die Umwelt diese Konzepte sind. In Deutschland jedoch ist das Hauptthema, wie viele Arbeitsplätze von neuen Lösungen bedroht sind. 

In einem Gespräch mit einem Key Account eines größeren Logistikkonzerns während einer Veranstaltung wurde es gut auf den Punkt gebracht: 

Wir können gar nicht so viele innovative Lösungen realisieren, wie wir wollen, weil uns sofort der Betriebsrat ausbremst

Betriebsräte sind im übrigen genau so wichtig, wie Datenschutzbeauftragte, auch wenn die Regierung hier nun wieder die Voraussetzungen aufweicht.

Aber kann man nun Betriebsräte und Gewerkschaften als Ausbremser verurteilen? In erster Linie vertreten diese Institutionen ja nun die arbeitende Bevölkerung. Sowohl Gewerkschaften, wie auch Politik und Unternehmen ziehen hier jedoch an einem Strang. 

Der heilige Gral lautet Vollbeschäftigung. Am einfachsten ist es, läuft einfach alles weiter, wie bisher. 

Doch genau das wird mit fortschreitender Digitalisierung nicht mehr funktionieren. 
In den vergangenen Jahren sind bereits zahlreiche neue Konzepte entstanden, die ein Umdenken in den Konzernetagen zur Folge hatte und auch zu Umbauten innerhalb der Organisationsstrukturen und dem eigenen Geschäftsmodell geführt haben. Ja, genau, das, was wir heute Digitale Transformation nennen, gibt es in einer speziellen Ausprägung bereits eine ganze Weile.

Gelächter über neue Konzepte im E-Business gab es früher immer wieder. Google: das kann nicht funktionieren, wie soll man sich denn über Werbebanner finanzieren? Amazon: Menschen wollen Bücher haptisch erleben, wie soll denn so ein Konzept aufgehen. OnlineBanking? Die Kunden wollen doch in Filialen beraten werden. 

Heute gibt es kein Gelächter mehr. Längst wickeln wir unsere Bankgeschäfte über unsere Smartphones ab. Beratung findet am Telefon oder Digital statt. Die Kataloge der Versandhäuser gibt es nicht mehr, stattdessen hat man das Konzept von Amazon und Co. auf die eigenen Geschäftsmodelle angewendet. Im Falle von Otto in Hamburg auch durchaus erfolgreich. Und die APIs von Amazon, Google und Co. sind wertvolle integrale Bestandteile der eigenen Organisation. 

Wie es unter Anderem im Buch “So funktioniert die Wirtschaft der Zukunft” von Thomas Straubhaar beschrieben wird, ist das größte Manko die fehlende Transformation unserer eigenen Wirtschaftssysteme und Gesellschaftsmodelle. Das BIP wird immer noch in physisch verfügbaren Waren gemessen. Genutzte Dienstleistungen und die Monetarisierung von digitalen Geschäftsmodellen werden zur Betrachtung nicht herangezogen.

Auf der kürzlichen Veranstaltung im Körber-Forum in Hamburg war ich zugegen und konnte im Zuge der Reihe “Einmischen” den Gedankengängen von Thomas Straubhaar und seinen Diskussionspartnern folgen. Eine durchaus bemerkenswerte Veranstaltung, die Sie hier im Archiv des Körber Forum zum anschauen vorfinden: Einmischen! Wie gerecht ist die Wirtschaft.

Über die Funktionsfähigkeit eines, wie von Thomas Straubhaar angeregten Grundeinkommens kann man unterschiedlicher Ansicht sein. Immerhin wird es ein Grundeinkommen sein, was von Ungleichheit geprägt ist. In Hamburg benötigt man mehr Geld zum Leben, als auf dem Land. 

Dennoch machen wir uns Gedanken, wie die Wirtschaft und die Gesellschaft in 20-30 Jahren funktionieren sollen.

Herr Straubhaar skizzierte seine Version einer Wirtschaft der Zukunft. ein weiteres Modell ist die Gemeinwohlökonomie, die sich besonders der Nachhaltigkeit des eigenen Wirkens verschrieben hat.
Spannend auch die Theorien von Anders Indset, der in seinem Buch “Quantenwirtschaft” interessante Thesen aufstellt.

Die rasante Entwicklung von künstlicher Intelligenz, die ersten Quantencomputer und die Automatisierung von immer weiteren Lebens- und Arbeitsbereichen werden massive Auswirkungen auf unsere Zukunft und unser Wirtschaftsmodell haben. Algorithmen werden zu Autoritäten und diese werden unvermeidlich im Wettbewerb gegeneinander antreten. Aber Technologie allein kann und wird nicht die Antwort auf alle unsere Herausforderungen sein. Noch sind wir Menschen die Treiber und Bindeglieder, die unsere Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft und Realität steuern können. (Quantenwirtschaft, Anders Indset)

Hier finde ich mich übrigens am ehesten wieder, auch wenn ich die Bezeichnung Quantenwirtschaft diskutabel finde.

Ebenso werden Unternehmen lernen, dass man Themen nicht so lange aussitzen kann, bis halt nichts mehr geht. 

Dieses Aussitzen scheint in der Industrie weit verbreitet zu sein, man hat fast den Eindruck vom ängstlichen Kaninchen im Kaninchenbau. Bloß nicht nach draußen schauen.

In der Ausgabe “IT heute – Strategische Linien der Informationstechnik” aus dem heise Verlag bringt es der Autor Gunter Duck so auf den Punkt :

Sind wir heute schon so weit? Nein, es klingt doch so: “Wir sehen, dass es heute oft auch darum geht, die Geschäftsmodelle zu verändern, am Besten mit Big Data und einer Plattform. Plattformen sind sehr wichtig. Wir wissen aber nicht, wie das zu uns passen sollte. Wir führen Digitalisierung erst dann bei uns ein, wenn wir damit einen höheren Umsatz generieren können. sonst lohnt es ja nicht.” (IX Special 6/2019, Seite 118 ff)

 Es ist ja nicht so, dass kein Wille zu einer Modernisierung vorhanden ist. Viele, vor allem größere Firmen, konnten bereits erfolgreiche Maßnahmen durchführen. Der Wille zu einer vielleicht notwendigen Modernisierung der eigenen Organisationsstruktur ist dabei weitaus weniger Präsent. Oft genug sind die Abteilungen für Digitalisierung und Digitale Transformation hierarchisch aufgebaut. Während also munter weiter von oben nach unten delegiert wird und auf unteren Ebenen moderne Arbeitsformen und Methoden wie Scrum eingeführt werden, verfährt man ein wenig nach dem Motto: Arbeitet selbstständig und selbstverantwortlich, und ganz besonders seit selber verantwortlich. Oder, wie die Hamburger Wirtschaftsmediatorin Kirstin Nickelsen beschrieb: “Natürlich dürft ihr gerne mit Wasser spielen. Aber bitte macht mich nicht nass”  

Wie aber sind nun die Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern?

Zunächst einmal hilft es nichts, halten wir an bewährtem so fest, wie es derzeit noch der Fall ist. Die nach dem Gießkannenprinzip der Bundesregierung verteilten Fördergelder werden planlos eingesetzt, Hauptsache man kann sagen, dass wir jetzt Tablets in den Schulen haben. Auch melden sich Sprecher der Industrie zu Wort, die bitte von der Politik unterstützt werden wollen. “Gebt uns Geld, wir haben die Zeichen verschlafen” ist nicht das allerbeste Argument, auch wenn ich jetzt Auftraggeber verlieren sollte. 
Das Killerargument sind natürlich wieder Arbeitsplätze und nachdem wir ja laut BIP in einer Rezession stecken (Wir sind in keiner Rezession, nur das Berechnungsmodell ist antiquiert), muss man als Unternehmen ja sparen. Das schafft man als erstes, entlässt man Mitarbeiter und überlastet man die noch Vorhandenen mit Aufgaben, die früher Kollegen erledigt haben. Glückwunsch zum BurnOut und zu abwandernden Mitarbeitern.

Meistern werden wir als Gesellschaft die Digitalisierung nur, erkennen wir, dass man an einem Strang ziehen muss. Neue Gesellschaftsmodelle und Wirtschaftsmodelle entstehen nicht einfach so über Nacht, außer man nimmt den Worst Case als Szenario. Statt Revolution ist hier aber Evolution angesagt. 

Die Politik

Die Regierung muss sich vom Mantra der Vollbeschäftigung verabschieden und benötigt dringend echte Beratung zur Thematik Digitalisierung. Ob hier die bewährten Beratungsgesellschaften erste Wahl sind, sei dahingestellt. .  

Es gibt ja bereits eine gute Zusammenarbeit zwischen Verbänden, Beratern und Unternehmen, die zum Beispiel bereits in 2018 die KI Strategie der Bundesregierung formuliert haben. Die Inhalte dort sind tatsächlich wegweisend. Gefühlt ist außer einer überzeugenden Außendarstellung allerdings noch nicht viel geschehen. Zur Zeit dümpelt die aktuelle Koalition irgendwie vor sich her, nicht nur beim Klimaschutz.

Immerhin die Grünen haben, auch dank Expertise vieler junger Menschen, eine Strategie zur Digitalisierung entworfen. 

In der Politik bewegt sich also zumindest etwas. 

In der Gesamtbetrachtung hinkt Deutschland allerdings hinterher. Und dies vor Allem dank des öffentlichen Sektors, wie eine Statistik des Statistikportals Statista zeigt.

Das mittelmäßige Ergebnis Deutschlands (54,4) kommt u.a. durch das schlechte Abschneiden in der Dimension „Öffentliche Dienste“ zustande. Hierbei wird der Fortschritt der Länder im Bereich auf E-Government und E-Health gemessen. In diesem Bereich ist Deutschland weit abgeschlagen auf dem fünftletzten Platz. Quelle: Statista

Die Schwierigkeit, die Themen politisch vernünftig zu besetzen und auch umzusetzen mag an der Masseträgheit der aktuellen Koalition liegen. Es war eine Notwendigkeit, Deutschland über Jahrzehnte politisch und wirtschaftlich stabil zu halten. So hat sich ein “Weiter so” in die Politik eingeschlichen. Nun aber ist Zeit für eine Veränderung.

Die Wirtschaft

Unternehmen der KMU, und diese erwirtschaften den Löwenanteil an Steuern in Deutschland und halten einen immensen Teil der Beschäftigten in Lohn und Brot, benötigen sowohl Unterstützung, als auch einen Paradigmenwechsel in der Chefetage. Die Unterstützung kann zum Beispiel über staatliche Programme erfolgen, bei denen Projekte sinnvoll gefördert werden. Waren dies vor 10 Jahren noch in erster Linie Projekte im elektronischen Geschäftsverkehr, seinerzeit durch die Initiative Prozeus, welche meines Wissens nach aber derzeit keine geförderten Projekte vorsieht.

Dagegen wird heute durch ein neu aufgelegtes Programm der Bundesregierung, die Initiative GoDigital  gezielt der Mittelstand gefördert. Ein sinnvolle Maßnahme, die auch Kleinstunternehmen nicht ausschließt. In Hamburg ist man regelrecht gesegnet mit Initiativen und kostenlosen Angeboten, die Unternehmen bei der Digitalisierung und der Digitalen Transformation unterstützen. Hervorzuheben sind der InnovationLab HammerBrooklyn und das Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrum in Hamburg, wie auch viele bundesweit agierende Zentren.

Als Unternehmen hat man also reichhaltig Möglichkeiten, sich Inspirationen für seine eigene Digitale Transformation zu holen. 

Wie sich mittelfristig jedoch die Wirtschaft an sich verändern wird, steht auf einem anderen Blatt. 

Es wird viel von Plattformökonomie geredet, ob sich jedoch in Europa und speziell in Deutschland Plattformen wie Facebook, Google und Co. neu entdecken und entwickeln lassen sehe ich etwas fraglich. Ob wir jetzt alles in die Blockchain packen oder Chinesische Ideen wie WeChat kopieren – der Zug ist abgefahren und die Themen teils auch schon wieder etwas durch. Auch wenn eine der Kernkompetenzen Deutschlands stets die Adaption und Verbesserung war, hier dreht sich das Rad einfach zu schnell.

Wie bei einer Jubiläumsveranstaltung der Europa-Union Hamburg nachvollziehbar von dem Direktor des Hamburgischen WeltWirtschafts Institut, Dr Henning Vöpel erläutert, hinken wir hier einfach meilenweit der technologischen Entwicklung und den Vorsprüngen im Silicon Valley und der asiatischen Innovations Laboren hinterher.

Vielleicht besteht die Chance Deutschlands und Europas aber auch darin, das Kapital der moralischen und ethischen Entwicklung seit Ende des zweiten Weltkrieges zu nutzen und als Korrektiv zu agieren. Die Ethik der Algorithmen ist ein nachvollziehbares wichtiges Argument in Zeiten der umfassenden Datensammlungen. Was darf mein Algorithmus, was will ich damit erreichen und was kann in Zukunft damit angestellt werden?

Die Digitalisierung ist Zukunft. Die Folgen werden mehr sein, als das, was heute als disruptiv bezeichnet wird. Die Folgen werden umwälzend sein. 

Verständlich, dass viele Menschen Sorge vor Umwälzungen haben. Nutzen wir aber die Chancen richtig, werden die Umwälzungen zu einer noch besseren Zukunft führen. 

Am Besten im Schulterschluss mit notwendigen Aktionen und Maßnahmen für den Klimaschutz.

Das, was gerade mit den globalen Demonstrationen von Fridays For Future begonnen hat, war vermutlich ein Bestandteil dieser Umwälzungen. 

Andreas Achtziger, 22.9.2019